Der vergessene Engel

Der Sturm spielt mit den Wellen und die Bäume beugen sich seiner Kraft. Als hätte der Regen den Strand leergespült, sieht man weder Mensch noch Tier am aufgewühlten See.
Nur eine kleine Gestalt kauert zusammengesunken im nassen Sand. Trotzig hält sie ihr Gesicht in den Wind. Dicke Kullertränen laufen über die Wangen und die Flügel hängen traurig herunter. "Vergessen! Sie haben mich einfach vergessen!" Schluchzend ruft sie die Worte anklagend in den Sturm. Der kleine Körper zittert, doch wagt sie es nicht, den Strand zu verlassen. Klammert sich verzweifelt an das kleine Fünkchen Hoffnung, dass wenigstens ein Weihnachtswesen am Horizont auftaucht, um sie zu holen.

*

Schneeflocken wirbeln durch die Luft und bereiten eine weiße Daunendecke über die Bernauer Weihnachtsstadt. Die Häuser sind hell erleuchtet und auf den Wegen laufen die Weihnachtswesen hin und her.
Viele schlendern müde, aber glücklich über das vollbrachte Werk zu ihren Häusern. Dort werden sie sich mit einer Tasse Kakao vor den warmen Kamin setzen und den wartenden Lieben von den neuen wunderschönen Puppen und Spielzeugautos erzählen. Tausende bauen die Bernauer Weihnachtswesen in jedem Jahr und doch ist jedes auf seine Art und Weise einmalig.
Durch das Fenster sehen sie die vielen Anderen zu ihrem Platz in den riesigen Hallen eilen. Dort werden sie Stunde für Stunde neues Spielzeug auf das lange Laufband legen. Alle arbeiten nur für ein Ziel: am großen Tag im Jahr muss für jedes Kind in Bernau ein Geschenk im riesigen Sack stecken.
Doch in einer der Hallen kratzt sich immer häufiger der Bernauer Weihnachtself Pit im Gesicht. Grübelnd dreht sie immer wieder eine der Puppen in den Händen. Langes schwarzes Haar umrahmt das wunderschöne Gesicht und ein buntes Kleid leuchtet in den Farben des Regenbogen. "Es ist nicht perfekt! Etwas fehlt..." Doch so oft der Bernauer Weihnachtself Pit die Puppe dreht und wendet, sie findet keinen Fehler. Nach einem tiefen Seufzer überträgt sie seinem Stellvertreter die Aufsicht über seine Schicht. Sie selbst verlässt mit der Puppe in der Hand die Fabrikhalle. Es gibt nur einen, der ihm jetzt noch helfen kann.

Mit hochgezogenen Augenbrauen mustert der Bernauer Weihnachtsmann die Puppe. Seine Brillengläser funkeln im Kerzenlicht während er leise murmelt: "Das Augenleuchten...Engelsstaub..." Der Bernauer Weihnachtsel Pit zuckt bei den Worten zusammen. Haben die Bernauer Weihnachtsengel etwa wieder einen ihrer Streiche getrieben? Doch würden sie wirklich tausende kleine Mädchen enttäuschen, nur um ihm einen Schabernack zu spielen? Die winzigen Wesen sind seiner Meinung nach zwar viel zu frech, aber ihre Herzen sind butterweich. Jede Kinderträne macht sie traurig und nie würden sie einem Kind Schaden zufügen.

Noch während der Bernauer Weihnachtself Pit seinen Gedanken nachhängt, wird er vom Bernauer Weihnachtsmann vor die Tür gezerrt. „Beeil dich!“, brummelt der Alte und strebt zu den Fabrikhallen. Stöhnend folgt der Bernauer Weihnachtself Pit ihm. Selbst Boreas scheint besorgt und hält seinen kalten Atem an, um ihnen den Weg nicht zu erschweren.  Dieser ganze Stress in seinem Alter! Aber der Bernauer Weihnachtself weiß, dass er vom Bernauer Weihnachtsmann kein Mitleid  erwarten kann. Schließlich hat dieser ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel.

Als die Beiden endlich die Tür der Fabrikhalle hinter sich schließen, sorgt die angenehme Wärme für eine schnelle Entspannung der alten Gelenke. Mit freundlichen Rufen, herzlichem Winken oder auch nur einem kurzen Kopfnicken wird der Bernauer Weihnachtsmann von seinen Helfern begrüßt. Niemand hegt Argwohn, dass ein ernstes Problem ihn hierher geführt haben könnte. Gehört seine tägliche Anwesenheit in dieser Jahreszeit doch zum gewohnten Anblick in den lauten Hallen. Ständig schweift er durch die Gänge, bewundert ein besonders gut geratenes Feuerwehrauto oder lobt einen der jungen Bernauer Weihnachtsengel für sein erstes erbautes Puppenhaus. Warum sollten sich die Weihnachtswesen also heute über sein Erscheinen wundern?
Dass der Bernauer Weihnachtsmann seinen Oberaufseher hinter sich herschleift, wird schon seine Gründe haben. Und wer hat noch nicht vom Weihnachtskoller gehört? Und es ist einfach ein zu köstlicher Anblick, die beiden Alten hüpfend und zerrend die Halle durchqueren zu sehen.

 
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